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28. Dezember 2004:
Klüngel und Korruption
Mal fliegt ein CDU-Volksvertreter auf, dann ist wieder jemand von der SPD
an der Reihe: dubiose Gehälter hier, unverbuchte Zahlungen dort, und ein
schicker Dienstwagen als Zubrot - die politische Klasse läßt es sich gut
gehen. Und jeder hat gegen jeden irgend etwas in der Hand.
Gestern stand Laurenz Meyer von der CDU in den Schlagzeilen. Er bezog ein
Gehalt vom Energieriesen RWE, der ihm zudem im Jahr 2000 eine Abfindung von
250.000 Euro für seinen Wechsel in die Politik zahlte. Ohne Gegenleistung?
Nach Informationen der „Financial Times Deutschland“ soll der RWE-Führung
eine Liste mit 40 Namen von Landes- und Bundespolitikern vorliegen, die
regelmäßig Geld von dem Unternehmen erhalten. Ähnliche Strukturen bestehen
nach Presseveröffentlichungen auch bei den Mitbewerbern Eon und EnBW.
Die Stromkonzerne sind nicht die einzigen, die einen direkten Draht zur
Politik gut gebrauchen können. Auch in anderen Branchen sind Zahlungen und
Wahlkampf-Zuwendungen an Politiker gang und gebe. Wer bei einem Unternehmen
direkt oder indirekt auf der Lohnliste steht, trifft typischerweise keine
Entscheidungen, die mit dessen Interessen kollidieren. Da ist es nicht
nötig, die Zahlung M der politischen Entscheidung Nr. 13 zuzuordnen. Nicht
einzelne Gegenleistungen werden gekauft, sondern der ganze Politiker.
Konkrete Absprachen sind überflüssig. Alles läuft wie geschmiert.
Fliegen Abhängigkeiten auf, dann geben sich die Beteiligten unschuldig.
So kann der niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete und Wolfsburger
Bürgermeister Ingolf Viereck gar nicht verstehen, was anrüchig daran sein
soll, daß er nicht nur vom Steuerzahler, sondern auch vom VW-Konzern ein
Einkommen bezieht. Zumal es sich ja lediglich um 3.000 Euro monatlich und
einen Dienstwagen handelt. Für solche Bagatellzuwendungen lohnt es sich
selbstverständlich nicht, im Unternehmen einen Schreibtisch aufzustellen und
ein Telefon anzuschließen. Viereck erläutert: „Ich arbeite von zu Hauses
aus. Ich habe einen Tele-Arbeitsplatz.“ Den hätten Millionen Arbeitslose
auch gerne ...
Wer was von wem einsteckt, wird meist erst öffentlich, wenn irgend jemand
meint, nicht genug abbekommen zu haben und deshalb anfängt, seine Kumpane
anzuschwärzen. Der Sturz eines Insiders kann eine Sternstunde für die
Aufklärung der diversen Seilschaften und Verwicklungen bedeuten. So gibt die
Trennung der Kölner CDU von ihrem Granden Richard Blömer den Blick auf die
Spitze eines Eisberges frei: Oberbürgermeister Fritz Schramma ließ sich
Wahlplakate von einem Bauunternehmer mit vielfältigen kommunalen
Geschäftskontakten sponsern. Und der CDU-Kreisvorsitzende Walter Reinarz
wurde zu seinen diversen Terminen im Dienstwagen der KVB chauffiert, wobei
mit den Verkehrsbetrieben praktischerweise keine festen Dienstzeiten
vereinbart waren, so daß er auch für die Parteiarbeit genug Freiraum hatte.
Pro Köln fordert als Konsequenz aus den diversen Skandalen den „gläsernen
Volksvertreter“: Jeder Abgeordnete und jeder kommunale Mandatsträger muß im
Internet veröffentlichen, aus welchen Quellen er Geld oder Sachleistungen
bezieht. Wer der Öffentlichkeit Einkünfte vorenthält, muß seinen Hut nehmen.
Und auch die Parteien und Wählervereinigungen sollten gesetzlich
verpflichtet werden, innerhalb einer Frist von 30 Tagen jede Zuwendung
bekannt zu geben, die den Wert von 500 Euro übersteigt.
Der Bürger hat ein Anrecht darauf, zu erfahren, wem seine Volksvertreter
zu Dank verpflichtet sind. „Selbstverpflichtungen“ und fromme
Absichtserklärungen sind nutzlos. Ohne harte gesetzliche Regelungen, die
empfindliche Strafen für Verstöße und insbesondere für Umgehungs-Versuche
vorsehen, werden wir Klüngel und Korruption nicht in den Griff bekommen!
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