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20. Dezember 2005:

„Das große Fressen“

Wer ordentliche Arbeit leistet, der soll auch gut essen. Wer für die Stadt Millionengewinne erwirtschaftet, dem sei ein opulentes Mal zum Abschluß der beruflichen Laufbahn gegönnt. Das dachte sich wohl auch Helmut Haumann, 65, der scheidende Vorstandsvorsitzende der Rhein-Energie AG. Und so lud er auf Kosten seines Unternehmens zum Festessen in den Gürzenich ein.

Alleine Essen macht dick, behauptet der Volksmund. Haumann ist schlank und wird es wohl auch bleiben. Satte 500 Gäste waren seiner freundlichen Bitte gefolgt, ihm zum Abschied von seinem hohen, verantwortungsvollen Amt Gesellschaft zu leisten. Nötig gehabt hätte es keiner von ihnen. Nicht die Bedürftigen waren geladen, sondern die Kölner High-Society aus Wirtschaft und Politik.

Ein dreigängiges Menü hatte sie angelockt: Sauerkrautpuffer mit Tartar von gebeiztem Lachs und Champagnersauce. Kartoffel-Lauchcreme mit Rauchforellenklößchen. Hirschkotelett auf einer Rübenkrautsauce, Törtchen von Rüben und Trüffel sowie Gnocchi mit Steinpilzen gefüllt. 500 Mal serviert. Helmut Haumann hat bewiesen, daß man es sich auch in schlechten Zeiten im großen Stil gut gehen lassen kann.

DVD-Hülle für den Filmklassiker „Das große Fressen“ von Marco Ferreri:

„Sie werden alle an ihren Vergnügen noch ersticken!“

Bezahlt haben wir Kölner das (fast) alle. Denn die meisten von uns gehören zu den rund 1,7 Millionen Kunden des aus den Potentialen der ehedem staatlichen Energieversorger gebildeten Konzerns, der im Jahr zwei Milliarden Euro umsetzt und in 2004 einen Brutto-Gewinn von 254,4 Millionen Euro erwirtschaftet hat.

Oberbürgermeister Fritz Schramma wählte bei der Verabschiedung Haumanns die rechten Worte für so viel Talent im Umgang mit Geld. Der Pensionär habe „die geheimnisvolle Fähigkeit, aus vielen Dingen Gold zu machen“, schreibt der „Stadt-Anzeiger“ vom 17./18. Dezember 2005. Und der Mann fand für die Entfaltung dieses Talents - den Kölnern sei Dank - wohl auch die allerbesten Voraussetzungen vor, wie anzumerken erlaubt sein muß.

Nicht eingeladen zum Festschmaus waren die Bewohner jener 14.000 Haushalte, denen die Rheinenergie AG in 2004 leider die Versorgung abstellen mußte, weil sie vor dem Hintergrund der sozialen Not im Lande ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten. Bis zum 19. November des laufenden Jahres waren es weitere 11.700 Abnehmer, bei denen aus demselben Grund das Licht ausging. Dort werden weder Trüffel gereicht, noch wird Champagnersauce geschlürft. Nicht einmal Leitungswasser gibt es mehr, soweit es bis dahin von der Rheinenergie AG geliefert wurde.

Der italienische Regisseur Marco Ferreri hat 1973 in filmischer Form die Dekadenz der Epoche beleuchtet. Eine sterbende Gesellschaft gibt sich der Gier hin. „Das große Fressen“ setzt den Schlußpunkt. Wie bei der Laufbahn von Helmut Haumann?

Uns aber steht es nicht an, ein Sittengemälde zu entwerfen. Gerade jetzt, zu Weihnachten, werden auch wir, denen es gut geht, uns nicht zurückhalten. Wir werden es uns schmecken lassen und Sorgen um die Figur und den Cholesterinspiegel auf das neue Jahr vertagen.

Allerdings schlemmen wir auf eigene Kosten. Und wir werden versuchen, nicht das Gespür für den Rahmen zu verlieren und für das große Ganze. Haumann, Schramma und der High-Society wünschen wir zu Weihnachten von Herzen, daß ihnen der Schmaus auf Kosten der Rheinenergie-Kunden wohl bekommen möge. Und daß nicht am Ende Marco Ferreri Recht behält, der orakelte:

„Sie werden alle an ihren Vergnügen noch ersticken!“

 

 
 
 

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