Der CSD hatte am Wochenende
eher den Charakter einer kommerziellen Großveranstaltung im Stil des
brasilianischen Karneval als den einer politischen Versammlung für die Rechte
der Homosexuellen. Rund eine halbe Millionen Menschen waren auf den
Beinen, viele davon heterosexuell. Sie genossen das schöne Wetter und kühle
Getränke, und die längsten Warteschlangen waren die vor den Eisbuden. Den
politischen Rednern von Scho-Antwerpes bis Volker Beck hörte kaum jemand zu.
Und soweit sie sich gegen Haßmusik wandten, die zur Gewalt gegen Homosexuelle
aufruft, wird dem wohl kaum irgend jemand widersprechen wollen – erst recht
nicht im weltoffenen Köln. Die Redner sprachen im Konsens und sagten im
wesentlichen alle das gleiche. Ihre Kritik beispielsweise an der Haltung der
Kirche in Polen zu den dortigen Homosexuellen paßte nicht zur
Volksfeststimmung in der Kölner Innenstadt, in der Homophobe wohl bestenfalls
ausgelacht worden wären. Sie prangerten also Mißstände an, die es jedenfalls
im Herzen der Domstadt am 6./7. Juli 2008 nicht gegeben hat.
Forderungen nach „Mehr Sünde“ in
Kombination mit „Keine Toleranz für pro Köln“ gingen in der Massenveranstaltung
unter und waren eine irrelevante Randerscheinung. Noch randständiger war die Art
der Nutzung eines gerade einmal 20 Quadratmeter messenden Nebenraums in der mit
Steuergeldern gebauten KölnArena, der für den mehr oder weniger öffentlichen
Geschlechtsverkehr einer kaum meßbaren, winzig kleinen Minderheit der
CSD-Besucher zur Verfügung gestellt wurde. Gemeint ist das sogenannte „Cruising
Area“ bei der „Colour Party“. Der Kölner „Express“ hat dazu einen
bemerkenswerten Artikel ins Internet gestellt, der
hier abrufbar ist. Den Angaben zufolge durften sogar 16jährige den
Sex-Bereich betreten, soweit sie dazu das Einverständnis ihrer Eltern hatten.
Von einer Szene, für die solche Praktiken offenbar unverzichtbar sind, wird sich
jedermann leicht eine Meinung bilden können – und zwar unabhängig von der Frage,
ob sie homo- oder heterosexuell orientiert ist.
Da wäre weniger mehr gewesen.
Pro Köln wird sich in den zuständigen Gremien dafür aussprechen, daß beim
nächsten CSD öffentliche Räumlichkeiten für ein „Cruising Area“ nicht mehr zur
Verfügung stehen.